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Elena trifft Pole-Artistin Anna: Backstage bei Roncalli

Elena Wüllner 06. Juni 2019 11:24

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    Kurz vor ihrem Auftritt macht sich Anna warm und sieht dabei sehr entspannt aus.

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    Hat ihr Hobby zum Beruf gemacht: Pole-Artistin Anna zeigt ihr Können aktuell bei der Höhner Rockin‘ Roncalli Show, die bis zum 16. Juni in Oberhausen gastiert.

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    Für Scenario durfte Jugendredakteurin Elena (l.) Pole-Artistin Anna Herkt backstage treffen.

Über zwei Masten ist das blau-weiß gestreifte Zirkuszelt gespannt. Über dem Eingang steht Gelb auf Rot „Roncalli“, der Name des beliebten und bekannten Zirkusses. Und wer dieses kleine Tor passiert, der findet sich im Arbeitsbereich einiger der besten Artisten der Welt wieder, zu denen seit diesem Jahr auch die 25-jährige Pole-Artistin Anna Herkt aus Herne gehört, die ich backstage für Scenario treffen durfte.

Anna und ihre Kollegen können vom 7. bis zum 16. Juni in Oberhausen bei ihrer „Höhner Rockin‘ Roncalli Show“ besucht werden. Wie der Name der aktuellen Show verrät, werden den Zuschauern nicht nur beeindruckende Zirkus-Künste in der Manege präsentiert. Auch die Kölner Musikgruppe „Höhner“ erhalten Einlass ins Zirkuszelt und begleiten die Nummern mit ihren Hits wie „Viva Colonia“ oder „Wir halten die Welt an“.

Was man bei der aktuellen Show erwarten darf? Im ersten Teil vor der Pause zum Beispiel den Kolumbianer José Henry Caycedo, der als Fabelwesen mit Spitzbart und angeklebten Elfenohren verkleidet, auf einem quer über die Manege gespannten Seil balanciert. Oder auch Marina Sakhokiia, die ihren Körper verbiegt. Für Lacher sorgt Viktor Minasov, der Mann mit dem riesigen Ballon. Erst steckt nur sein Kopf darin, dann sein ganzer Körper. Alexandre Lane rollt elegant und mühelos in seinem Cyr-Rad an den Zuschauern vorbei. Und Jongleurin Mila Roujilo lässt Bälle durch die Luft fliegen, während sich die Jambo Brothers zu menschlichen Pyramiden aufeinanderstapeln. So viel zum ersten Teil der Show. Was hinter dem roten Vorhang passiert, darf ich für Scenario in der Pause erleben.

Die Artisten dehnen sich zwischen den Zirkuswagen im Stehen, Sitzen und Liegen. Ein Ball rollt auf den Holzplanken an meinen Füßen vorbei. Vor einem über hundert Jahre alten Kostümwagen, der seit 40 Jahren zur Roncalli-Familie gehört, liegt Anna Herkt, eine junge Frau in schwarzer Gymnastikhose, Sport-BH und Sneakersocken.

Die 25-jährige gebürtige Hernerin löst ihren Spagat und reicht mir die Hand. Anna ist mit 16 Jahren der Urbanatix-Crew beigetreten, die in der Jahrhunderthalle Bochum ein beeindruckendes Repertoire an Tanz und jeglicher Form von Artistik auf die Bühne bringt. Jedes Jahr sind die „Street Artists“ auf der Suche nach neuen Talenten, die sie in ihre Show einbinden können – so auch Anna. Dort hat sie, wie sie mir erzählt, erst erfahren, dass man das, was sie so begeistert, auch beruflich machen kann.

Lernen bei der besten Artistik-Schule Europas

Und auch ihre Eltern waren nicht versteift auf ein Jura- oder Medizinstudium: „Ich bin da einfach so reingerutscht. Daher war das auch für meine Eltern keine große Überraschung. Sie stehen hinter mir“, erklärt die 25-Jährige. Also bewarb sie sich bei Artistenschulen in Montreal, Paris, Tilburg und Brüssel. Alle wollten die talentierte Artistin ausbilden. Anna entschied sich für die renommierteste Artistenschule Europas: die Ecole Supérieure des Arts du Cirque in Brüssel. Dort machte sie ihren Bachelor of Circus Arts. Abgeschlossene Ausbildungen als Yoga-Lehrerin und als Fitness Coach und Personal Trainer hat sie außerdem vorzuweisen.

Auf meine Frage, ob Freizeit bei einer Zirkusartistin nicht etwas zu kurz komme, erwidert sie nur schmunzelnd: „Mein Hobby ist mein Beruf geworden.“ Sie erzählt weiter von ihrem Leben als Selbstständige, das sie sich größtenteils frei einteilen kann. Einen festen Wohnsitz hat die 25-Jährige allerdings nicht. Wie auch, wenn sie dieses Jahr noch auf zwei Kreuzfahrten mit Roncalli unterwegs ist, mit denen sie die Ostsee bereist und bis nach Portugal kommt? Und auf ihrem Terminplan steht auch schon ein Festival in Panama, auf dem sie nun zum zweiten Mal auftreten wird.

Bevor Anna zu Roncalli gekommen ist, war sie mit einer französisch-belgischen Kompanie unterwegs. Von ihrer Karriere spricht sie entspannt und unaufgeregt: „Eigentlich bin ich ganz zufrieden.“ Ihre offene Art und die Selbstverständlichkeit, mit der sie über ihr Leben erzählt, wirken an keiner Stelle überheblich. Konkrete Ziele hat die junge Artistin karriere-bezogen nicht. Aber sie möchte gerne mehr reisen. Beispielsweise ein paar Urlaubswochen an ihren Auftritt in Panama anhängen.

Viel Zeit für das Interview bleibt uns nicht, denn Anna muss sich in der 20-minütigen Pause auch noch warm machen. Eine Frage möchte ich aber unbedingt noch stellen: „Wie gefällt dir eigentlich die Musik der Höhner?“ Anna muss lachen: „Ich finde sie überraschend cool“, erwidert sie. Und da kann ich ihr nur zustimmen. Die Karnevalsschlager sind für mich kein Grund für Luftsprünge, allerdings fügen sie sich perfekt in das Ambiente und die euphorische Zirkusstimmung ein.

Zurück also ins Zirkuszelt – auch für mich. Nachdem alle Besucher wieder ihre Plätze eingenommen haben, betritt Kotini Junior die Bühne. Seine kurzen Auftritte sind tragisch und komisch zugleich. Diesmal tigert er verdächtig in der Manege umher und nimmt einige Zuschauer ins Visier. Als er immer wieder Blickkontakt mit mir sucht und sein Interesse an meiner Person auch den Zuschauern nicht mehr verborgen bleibt, bin ich mir meines Schicksals schon gewiss.

Und es kommt, wie es kommen muss: Jens Streifling und Heiko Braun – zwei der Höhner – strecken ihre Hände aus und helfen mir in die Manege. Kotini Junior tänzelt ständig um mich herum und macht mir Avancen. Immer wieder stürzt er sich in meine Arme für eine Art holperigen Walzer. Die Höhner wollen unseren tollpatschigen Tanz beenden. Doch Kotinis „Zuneigung“ ist stark.

Als er mir gestattet, meinen Platz wieder einzunehmen, ist meine Begleitung sein nächstes Opfer. Simon wird angesprungen und als Kletterbaum umfunktioniert.
Danach kommt endlich Anna. Für den Auftritt der Hernerin wird ihr Pole in der Mitte der Manege platziert. Anna beginnt aber mit Bodenakrobatik und nähert sich immer weiter dem Pole.

Einmal um eigene Achse drehen und Pose halten

Mühelos wickelt sie sich um die fast 3,5 Meter hohe Stange, dreht sich nebenbei noch mal um die eigene Achse und hält die Pose. Es ist ein schwungvoller Tanz, bei dem sich oft nur ihre Beine um die Stange winden und sie ihren Oberkörper in freier Schwebe hält. Anna wird mit einem tosenden Applaus belohnt – genau wie die Kollegen, die ihr noch folgen.

Nach der Show deutet eine Mutter mit ihrem Finger auf uns und sagt zu ihrer Tochter: „Guck mal, das waren die beiden, die mit dem Clown getanzt haben.“ Wir sind mächtig stolz auf unsere Leistung.
Höhner Rockin‘ Roncalli Show: „Funambola – Capriolen des Lebens“
7. bis 16. Juni 2019
Zelt an der König-Pilsener-Arena, Oberhausen
Karten gibt es im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline Tel. 0209 / 14 77 999.

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