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Marie in Südafrika: Urlaub? Alltag? Irgendwie beides

Marie Dechêne 04. Februar 2019 13:23

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    Ganz anders ist das Leben in Kapstadt. Aus Sicherheitsgründen bestellt sich Jugendredakteurin Marie zum Beispiel jeden Morgen ein Taxi, das sie in der Rush Hour zur Arbeit in ein Krankenhaus am Rande eines Townships bringt.

Teil 4 Das Leben hier in Kapstadt fühlt sich zu gleichen Teilen wie Urlaub und Alltag an. Urlaub, weil ich jeden Tag so viele neue Eindrücke gewinne und so viele neue Sachen sehe, Alltag, weil ich fast jeden Tag acht Stunden in einem Krankenhaus arbeite und es sich schon fast „normal“ anfühlt, dort mitzuhelfen. Aber was heißt hier schon normal?

Mein erster Arbeitstag war in vielerlei Hinsicht eine Premiere. Es war nicht nur der erste Tag in einem afrikanischen Krankenhaus, sondern bedeutete auch meine erste „Uber“-Fahrt. Zuhause habe ich mir nie viel aus Taxis gemacht. Warum auch? Alle meine Ziele konnte ich immer gut mit dem Fahrrad oder dem Bus und später mit dem Auto erreichen. Wenn aber all diese Möglichkeiten ausfallen – weil sie zu unsicher sind oder einfach nicht vorhanden sind, bleibt nicht mehr viel übrig.

Es war schon merkwürdig sich morgens zur Arbeit ein Taxi zu bestellen, vor allem wenn die Arbeitsstelle nur wenige Kilometer entfernt liegt. Aber man gewöhnt sich an fast alles. Nach einigen Fahrten kam Routine in die Sache, sei es, um zur Arbeit zu kommen oder um nach der Arbeit etwas zu unternehmen. Aus der anfänglichen, unangenehmen Stille wurden kleine Unterhaltungen und so kann man auch auf kurzen Strecken einige Tipps vom Fahrer über das Leben in Kapstadt erfahren und lernt die verschiedensten Menschen kennen – was an einigen Tagen positive und spannende, an anderen Tagen eher merkwürdige Erfahrungen bereithält.

Über einen Uberfahrer zum Beispiel haben wir auch den sogenannten Hout Bay Market gefunden. Wenn man mich vor diesem Tag gefragt hätte, wie ich mir einen afrikanischen Markt vorstelle, dann hätte ich eine Art große Straße mit vielen kleinen Läden beschrieben. Hier in Kapstadt scheint es aber etwas ganz anderes zu bedeuten. Der Markt selbst befindet sich in einer riesigen alten Fabrikhalle, die mit bunten Farben, vielen Lichtern und vielen kleinen verwinkelten Läden einen wunderschönen gemütlichen und doch rustikalen Stil bekommt. In einer Ecke spielen verschiedene Bands, es gibt viele Sitzecken und sogar Toiletten und es riecht nach den unterschiedlichsten Gewürzen.

Ich hätte stundenlang durch die verschiedenen Lädchen schlendern können! Überall gab es afrikanische Holzfiguren, Schmuck, aber auch Bücher, Kleider und Antiquitäten zu kaufen. Allein die Atmosphäre dort war schon unglaublich! Und erstaunlicherweise habe ich dann auf einmal die Leute aus dem Flugzeug wiedergesehen. Es ist schon verrückt, wenn man sich erst vor ein paar Tagen zufällig in London kennengelernt hat und sich dann auch noch einmal in Kapstadt, einer Millionenmetropole, in die Arme läuft. Und das auf einem Markt, der die afrikanische Stimmung perfekt widerspiegelt. Manchmal ist die Welt schon ziemlich klein.

Sich zufällig begegnen? Das ist eher Schicksal

Ich habe mich sehr darüber gefreut, vor allem weil das Kennenlernen selbst schon auf einem Zufall beruht. Es war, als ob das Schicksal es so gewollt hätte, oder? So können wir hier jedenfalls erste Erfahrungen und Pläne austauschen, bevor wir wieder unterschiedliche Wege gehen. Denn während für die Gruppe das Sightseeing gerade beginnt, heißt es für mich: auf ins Krankenhaus – genauer gesagt in die Kinderklinik.

Diese befindet sich, wie das gesamte Krankenhaus, am Rande eines Townships, also in einer der ärmeren Gegenden Kapstadts. Deswegen sind die ersten Menschen, die ich jeden Morgen sehe, nicht etwa Krankenschwestern oder Ärzte, sondern das Sicherheitspersonal, das den Bereich um das Krankenhaus bewacht und für Ruhe und Ordnung sorgt. Zusätzlich ist das gesamte Gebäude auch eingezäunt.

Als ich das erste Mal durch das Tor gegangen bin, hatte ich durch all diese Schutzmaßnahmen schon ein mulmiges Gefühl im Magen.
Als weißes Mädchen fällt man in so einer Gegend ja dann doch ziemlich auf. In all der Zeit, in der ich jetzt aber schon dort ein und ausgehe, ist mir aber nicht einmal irgendetwas zugestoßen, vielmehr waren bis jetzt alle – egal ob Sicherheitsmann, Patient, Schwester oder Putzkraft, immer wirklich nett und hilfsbereit. Jeder grüßt und lacht und fragt mich, wie mein Tag so war und es fühlt sich fast schon so an, als würde ich hier schon seit Jahren arbeiten.

Dass dies nicht der Fall ist, merke ich dann aber doch ziemlich schnell, denn bei der Arbeit selbst ist alles noch so neu und aufregend. Gestern war ich zum Beispiel zum ersten Mal bei einer Geburt dabei und durfte das Neugeborene wiegen. Das war ein unbeschreibliches Gefühl, das Kind in den Arm zu bekommen, es anzuziehen und dabei zu sein, wenn es das erste Mal die Augen öffnet! Allein für diesen Moment hat sich die weite Reise schon gelohnt.

Aber auch sonst ist es schon spannend zu sehen, wie die Kinder hier untersucht und geimpft werden, wobei vieles an einen deutschen Kinderarztbesuch erinnert. Was sich allerdings schon von Europa unterscheidet, sind die Beratungsgespräche für Eltern bezogen aufs Thema HIV. Viele schwangere Frauen sind hier davon betroffen und haben Sorge, ihr Kind anzustecken. Deswegen gibt es spezielle psychologische Betreuung und die Schwestern nehmen sich die Zeit, mit den Patienten zu reden – vor allem mit denen, die ihre Medikamente nicht regelmäßig nehmen. Sie erklären ihnen die Krankheit mit einfachen Worten, ermahnen sie aber auch sehr nachdrücklich, ihre Medikamente zu nehmen.

Ich bin echt gespannt, was sonst noch so auf mich zukommt, bald wechsele ich nämlich die Station und helfe bei der Wundversorgung mit, im sogenannten „Dressing Room“.
Marie Dechêne (18, Recklinghausen) verbringt die nächsten sechs Monate in Kapstadt. Dort hilft sie im Rahmen des Freiwilligendienstes Rainbow-Garden-Village (RGV) für jeweils zwölf Wochen in Tageskliniken und in einem Special-Care-Center für geistig beeinträchtige Menschen. Bei Scenario erzählt sie von ihren Eindrücken.

 

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