Marler Zeitung Medienhaus Bauer

Interview: Fettes Brot im Interview zu ihrer neuen Platte "Lovestory"

Steffen Rüth 04. Juni 2019 07:31

Marl Die Jungs von Fettes Brot haben die 40 längst geknackt. Na und? Ihre Musik ist frech wie eh und je. Scenario traf sie auf einen Plausch.

König Boris (Boris Lauterbach, 44), Dokter Renz (Martin Vandreier, 44) und Björn Beton (Björn Warns, 45) empfangen zum Gespräch im geräumigen und überraschend aufgeräumten Herrenzimmer ihres Studio-Büro-Abhängkomplexes in Hamburg-Altona. Seit 2004 arbeiten (und irgendwie auch: leben) die Musiker bereits hier.

Das Thema am heutigen Nachmittag ist die neue Platte „Lovestory“. Die erfindungsreichen „Brote“, die seit mehr als 25 Jahren aus der deutschen Hip-Hop-Szene nicht wegzudenken sind, reisen hier durch den großen weiten Kosmos des Zwischenmenschlichen. Musikalisch zielt „Lovestory“ mit mächtigen Refrains, fetten Beats und einer wuchtigen Dance-orientierten Produktion dabei fast schon durchgängig auf die Zwölf.

Habt Ihr „Lovestory“ hier in Eurem eigenen Studio aufgenommen?
König Boris: Nicht nur. Wir haben unseren gewohnten Kosmos einige Male verlassen, um ein bisschen Luft an die Musik zu lassen. Wir waren in einer alten, zum Studio umgebauten Dorfschule in Niebüll auf dem Festland direkt vor Sylt, um Songs zu schreiben und Musik zu machen.

Der Protagonist im Song „Denxu“ erlebt „Küsse auf Sylt“. Seid Ihr zum Knutschen manchmal rübergefahren auf die Insel?
Boris: Die Küsse haben tatsächlich wie beschrieben nach Salz geschmeckt, und sie haben stattgefunden, allerdings nicht auf Sylt. Unsere Musik ist immer eine Mischung aus Erlebtem, Gehörtem und Erfundenem. Aber sie basiert nicht auf Tagebucheinträgen.

Der Refrain erinnert stark an jenem der Selig-Ballade „Ohne Dich“.
Boris: Ja, der war die Initialzündung für diesen Song. Bei Selig klingt der Satz allerdings etwas anders, vorwurfsvoller. Bei uns ist „Denkst du vielleicht manchmal an mich?“ eher ein schüchternes Hoffen.
Björn Beton: Im Kern geht es in dem Song um jemanden, der zurückdenkt an die Vergangenheit.

Boris: Verflossene Beziehungen kennt schließlich fast jeder. Interessanter ist, wie überraschend emotional die Erinnerungen nach 20 Jahren oder so plötzlich wieder aufpoppen können.
Dokter Renz: Man sieht sozusagen die Weiche, die man damals hätte anders stellen können.

Ihr drei macht seit einem Vierteljahrhundert, seit dem Ende Eurer Schulzeit, hauptberuflich Hip-Hop. Würdet Ihr Euch heute noch mal so entscheiden?
Boris: Ja, auf jeden Fall. Wie eine Entscheidung hat sich das aber nicht angefühlt. Es war eine Entwicklung, in die man reingestolpert ist.

Björn: Aber es war unsere Entscheidung, dieser Entwicklung eine Chance zu geben.

Wird man zwangsläufig nostalgischer, je älter man ist?
Björn: Man hat zwangsläufig mehr Erinnerungen und kann die besser einordnen. Aber ob man stärker in der Vergangenheit lebt, das ist typabhängig.

Renz: Wir sind Menschen, die sich gern mal mit der Vergangenheit beschäftigen, aber sich noch lieber in der Gegenwart aufhalten. Nostalgie ist für uns als Künstler ein tolles Mischgefühl aus Traurigkeit, Sehnsucht und Hoffnung. Ein süßer, schwerer Cocktail, an dem man zur Inspiration ab und zu mal nippt.

Boris: Wir haben uns ja 2017 mit „Gebäck In The Days“, unserer Live-Raritäten-Sammlung von Songs zwischen 1993 und 2000, intensiv mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt. Deshalb ist jetzt wieder Platz für den Blick nach vorn.

Für ein Liebesalbum klingt „Lovestory“ auffallend hell, fröhlich, optimistisch und funky.
Boris: Danke. Ja, das ist keine balladeske Kitschkiste geworden, sondern wirklich eine Platte mit viel Energie.

Wie kam es überhaupt zu dieser thematischen Selbstbeschränkung?
Renz: Als wir die ersten Songs aufnahmen, ragten jene Stücke besonders heraus, die mit Liebe zu tun hatten. Also haben wir beschlossen, uns ganz auf Liebesgeschichten zu konzentrieren, was uns wiederum dazu inspiriert hat, auch andere Nummern wieder reinzuholen, die wir eher außerhalb gesehen hätten, die aber die Liebe aus anderen Perspektiven betrachten.

Das Album beginnt mit „Ich liebe mich“, einer Ode an die Selbstliebe.
Boris: Richtig. Klingt nach einer Plattitüde, aber stimmt: Wenn man Schwierigkeiten hat, sich selbst zu mögen, hat man auch Probleme, andere Menschen zu mögen.
Björn: Der Song ist leichtfüßiger, als es den Anschein hat. Ein schweres Thema lässig vorgetragen.

Seid Ihr soweit zufrieden mit Euch?
Boris: Völlig frei von Selbstzweifeln und Optimierungsgedanken sind wir nicht. Doch gerade im Internet muss man manchmal bewusst gegensteuern und Sachen ausblenden, damit sie einen nicht verrückt machen.

Björn: Zu denen, die sich in den sozialen Medien toller darstellen als sie sind, gehören wir nicht.

Renz: Es gibt so eine Stimme, die einem zuflüstert: „Du bist uncool, lahm, alt, unfunky“. Diese Stimme sollte man nicht füttern. Ich spüre immer einen wahnsinnigen Sog, alles, was im Netz über uns steht, aufzusaugen. Dann gebe ich mir einmal so eine Überdosis, bevor ich merke, das tut mir nicht gut.

Ist man irgendwann alt genug dafür, dass einem das Alter egal ist?
Boris: Die Fantastischen Vier sind noch viel älter als wir. Jay Z ist in unserem Alter – und mit Beyoncé zusammen!

Renz: Oder unsere Idole von De La Soul. Auch die zwei verbliebenen Beastie Boys sind in allen Ehren ergraut.

Boris: Unser Alter sagt über die Qualität und die Freshness unserer Musik relativ wenig aus.

Findet Ihr Euren wohl größten Hit „Jein“ zum Beispiel noch cool?
Boris: Ja, den müssen wir einfach lieben. Schon allein, weil so viele Leute diesen Song verehren und wir ihm unheimlich viel zu verdanken haben.

Björn: Wir sind von der Magie dieses Liedes begeistert und blicken mit Hochachtung auf ein Werk, das wir heute so nicht mehr hinkriegen würden. „Jein“ war ein kleiner Geniestreich. Darin nehmen wir ja das große Dilemma der heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorweg, die sich irgendwie entscheiden müssen, sich dann aber nur für das Verharren in der Entscheidungslosigkeit entscheiden.

Teilen